Hugh Nibleys Fußnoten II.

Nibleys Falschzitierung von Eusebius' Vorbereitung auf das Evangelium

 

Eines der komplizierteren und interessanteren Beispiele von Nibleys Missbrauch seiner Quellen findet man in seinem Versuch, Eusebius aus Caesarea, einen christlichen Schreiber, der während der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts tätig war, so erscheinen zu lassen als unterstütze er die Identifizierung von Enoch als Menschensohnfigur. Nibley schreibt:

 

Eusebius erklärt den Fall folgendermaßen: „Der Menschensohn und der Sohn Adams sind dasselbe, so dass Adam und Enosh dieselben sind; fleischlich (sarkikon) durch Adam, rational (logikon) durch Enosh.“ [[Vorbereitung 11.6]] Er macht es auch vollkommen deutlich, dass er mit Enosh Enoch meint: „Die Hebräer sagen, dass Enosh, nicht Adam, der erste wahre Mensch war... Er 'wurde nicht gefunden' [nur von Enoch gesagt] bedeutet, dass wahre weise Menschen kaum zu finden sind. Er zog sich aus der Welt der Geschäfte zurück und wurde dadurch ein Freund Gottes [vgl. Abraham]. Die Hebräer nennen ihn 'den Freund', wodurch sie die Gunst (charin) Gott kennzeichnen.“ [[Vorbereitung 7:8]]. (doppelte Klammern von mir)39

 

Im Zentrum von Nibleys Verwendung der beiden Passagen von Eusebius, die in obigem Zitat angeführt werden, befindet sich die Behauptung, dass Enosh und Enoch ein und dieselben wären. Nibley erklärt dies ausdrücklich, wenn er sagt, dass es „vollkommen deutlich“ ist, „dass er mit Enosh Enoch meint.“ Sein offensichtlicher Grund, dies zu sagen, ist, dass er auf Enoch übertragen will, was über Enosh in Eusebius gesagt wird. Um diese Identifizierung zustande zu bringen, muss Nibley die zweite Passage falsch zitieren. Er tut dies, indem er Auslassungspunkte missbraucht, um das, was über Enosh in der ersten Passage gesagt wird, mit dem zu verknüpfen, was über denjenigen in der zweiten gesagt wird, „der nicht gefunden wurde“, d. h. Enoch (siehe Gen. 5:24). Aber im Gegensatz zu Nibleys Behauptung identifiziert Eusebius Enoch mit seinem zweifachen Urgroßvater Enosh (Gen. 5). Das Material, das von Nibleys Auslassungspunkten übersprungen wurde, enthält einen klaren Übergang von der Diskussion über Enosh zur Diskussion über Enoch in den Worten: „Aber nach dem, über den wir gesprochen haben, gab es noch einen anderen.“40

 

Eusebius verbindet Enos und Adam gründend auf der Tatsache, dass diese Namen aus zwei verschiedenen hebräischen Wörtern stammen, die Mensch bedeuten.

 

Nibley verändert entschieden den Text und indem er dies tut, verdunkelt er, was Eusebius eigentlich sagte. Dies sieht man vielleicht am Besten, wenn man die Passage im Kontext mit Nibeleys Version einer parallelen Spalte gegenüber stellt:

 

Vorbereitung 11.6 (Gifford)41

Vorbereitung 11.6 (Nibley)

Zumindest steht in einem bestimmten prophetischen Wort geschrieben: 'Was ist der Mensch [hebr: enosh], dass Du Dir Gedanken über ihn machst? Oder der Sohn des Menschen [hebr.: adam], dass du Ihn aufsuchst? [Ps. 8:4] Hier enthält das Hebräische im ersten Fall, um den 'Menschen' zu bezeichnen das Wort 'Enos', als wollte er deutlicher sagen: Was ist dieser Vergessliche, dass Du, o Gott, seiner gedenkst, obwohl er vergesslich ist? Und die andere Klausel 'Oder der Sohn des Menschen, dass Du ihn aufsuchst?' lautet unter den Hebräern 'Oder der Sohn Adams':

So dass derselbe Mensch sowohl Adam als auch Enos ist, wobei die fleischliche Natur durch Adam repräsentiert wird und die rationale durch Enos.

Der Sohn des Menschen und der Sohn Adams sind dieselbe Sache, so dass Adam und Enosh dieselben sind; fleischlich durch Adam, rational durch Enosh.

 

Nibleys Worte „Der Sohn des Menschen und der Sohn Adams sind dieselbe Sache“, obwohl sie in Anführungszeichen gesetzt sind, erscheinen nicht in seiner Quelle. Nibley hat sie offensichtlich erdichtet, um ihnen bei seinem Wunsch zu dienen, die Identifizierung von Enoch als eine Sohn-des-Menschen-Figur deutlicher zu sichern.42

 
Fußnoten:

[39] Hugh W. Nibley, "The Enoch Figure," in Enoch the Prophet, S. 35-6.

 

[40] ET: Edwin Hamilton Gifford, Preparation for the Gospel (2 Bde.; Oxford: an der Clarendon Press, 1903) 1:331. PG 21.522: Alla gar meta ton eirēmenon allos.

 

[41] Gifford, Preparation for the Gospel, 2:554.

 

[42] Siehe frühere Aussagen in Nibley „ The Enoch Figure," in Enoch the Prophet, S. 35. Nibley beruft sich auf dieselben zwei Passagen aus Eusebius' Preparation for the Gospel (7.8 und 11.6) als Unterstützung einer ähnlichen Behauptung über Enoch in seinem Artikel "A Strange Thing in the Land“. Dies tut er in einer Passage, die ebenfalls eine Übersetzung des hebräischen Verbs bara enthält, die ebenso höchst problematisch ist:

 

Es wird in Genesis 5:1-2 angedeutet, dass die menschliche Rasse vollständig vom Stapel gelassen war, als das Buch der Generationen Adams eingeführt wurde, da Adam und Eva eingesetzt (barâ) wurden und ihnen ein Name und ein Segen gegeben wurde. Eine sehr alte Tradition setzt wahre Menschlichkeit mit Enoch, dem Berichtsführer gleich, einem vollständigerem Menschen als Adam selbst ("A Strange Thing in the Land," in Enoch the Prophet, S. 138).

 

An noch einer anderen Stelle übersetzt Nibley beim „Übersetzungs“-Prozess von Genesis 5:1-3 bara wieder auf dieselbe Weise:

 

Sie beginnt: „An dem Tag setzten die Götter Adam ein [bara – wir sind hier sehr buchstäblich], im Abbild der Götter [bi-dmuth elohim], erschuf er ihn. Mann und Frau setzte er ein und gab ihnen einen Segen und gab ihnen ihren Namen als Adam, an dem Tag, als er sie einsetzte.“ (Siehe Genesis 5:1-3). ("Before Adam," in Old Testament and Related Studies, S. 78)

 

Nibleys Übersetzung dieser Passage ist höchst problematisch. An erster Stelle, wenn jemand bei der Übersetzung von bara „sehr buchstäblich“ sein möchte, übersetzt er es als „erschaffen“ und nicht als „einsetzen“. Einsetzen wird nicht als mögliche Übersetzung von bara in den Standardwerken über biblisches Hebräisch aufgelistet, wie Brown, Driver, Briggs, A Hebrew and English Lexicon of the Old Testament and the Theological Dictionary of the Old Testament (TDOT). Zweitens sollte elohim hier nicht als ein Plural (Götter) übersetzt werden, wie Nibley es getan hat, sondern als Singular (Gott). Dies wird im Hebräischen durch Verben im 3. Singular deutlich gemacht. Wenn daher Nibley die Götter setzten Adam ein benutzt, übersetzt er bara in doppelter Hinsicht falsch. Das hebräische Verb bedeutet nicht nur nicht einsetzen, sondern es wird im Original auch noch in die 3. Person Singular gebeugt (er setzte Adam ein). Um Nibleys Übersetzung in Bezug auf die Grammatik der Passage berechtigt erscheinen zu lassen, hätte bara in die 3. Person Plural gebeugt werden müssen. Schließlich, wenn Nibley darauf besteht elohim als Plural zu behandeln und bereit ist, das Singular-Wort bara so zu behandeln, als wäre es in der 3. Pluralform zusammen mit elohim (Götter), wie sein Pluralsubjekt, warum verdreht er dann nicht alle anderen Singularverben in dem Satz, die ebenfalls elohim als ihr Subjekt haben? Warum verdrehte er sie nicht so, dass sie wie folgt im 3. Plural zu lesen sind:

 

  • als Abbild der Götter erschufen sie [die Götter] ihn

  • sie [die Götter] setzen sie als Mann und Frau ein und gaben ihnen einen Segen und ihnen ihre Namen, als Adam

  • an dem Tag setzten sie [die Götter] sie ein.

 

Stattdessen übersetzt er, indem er das Pronomen der 3. Person Singular er als ihr Subjekt benutzt. Es hätte natürlich keinen Wert, wenn Nibley seine ungerechtfertigte Übersetzung auf diese Weise durchgezogen hätte, aber es hätte zumindest seine Verdrehung in der gesamten Passage folgerichtig gemacht.

 

Nibley zitiert verschiedene Quellen in seinem „The Passing of the Primitive Church“ falsch

 

Obwohl seine literarische Leistung enorm war, veröffentlichte Nibley selten in wissenschaftlichen Zeitschriften außerhalb Utahs und sogar noch weniger in solchen, die dem Studium von altertümlichem Judentum, Christentum und der Bibel gewidmet sind. Natürlicherweise kommt die Frage auf, ob Nibley genauso oft und eklatant seiner Neigung zur Falschzitierung nachging, wenn er für nichtmormonisches wissenschaftliches Publikum schrieb, wie er es tat, wenn er für Mormonen schrieb. Die Antwort ist, dass man in diesen Artikeln dieselbe Art von Problemen vorfindet wie in Dingen, die er für Mormonen schrieb.

 

„The Passing of the Primitive Church: Forty Variations on an Unpopular Theme“ wurde ursprünglich im Prestige-Journal Church History 1961 veröffentlicht. Im Kommunikationsteil dieses Journals im letzten Thema desselben Jahres beklagte sich R. M. Grant, einer der ausgezeichnetsten Historiker des frühen Christentums, darüber, dass Nibley „nicht immer dem Kontext der Aussagen der Väter oder für diese Angelegenheit dem Gebrauch der homiletischen Rhetorik Rechnung getragen“ hätte.43 Was Grant sagte, war sicher wahr. Aber die Probleme mit diesem Artikel gehen viel tiefer, wie ich jetzt an Hand von zwei Beispielen zu illustrieren versuchen werde. Was Nibley vorbrachte, um in jenem Artikel zu beweisen, war, dass „die Kirche, die von Jesus und den Aposteln gegründet wurde, nicht überlebte, ebenso wurde es von ihr nicht erwartet“.44 Es ist ein Argument für den großen Abfall und das Entstehen der großen und abscheulichen Kirche, ohne diese Begriffe zu gebrauchen. Um es anzubringen, musste Nibley Beweise zusammenstellen, die die Aktionen der frühen Kirche zeigen, die darauf hinwiesen, dass sie nicht erwarteten, dass die Kirche fortdauern würde und dass der Gedanke eines Triumphes der Kirche erst später aufkam. Unglücklicherweise kam Nibley dorthin, wohin er wollte, indem er die Beweise zurecht schneiderte.

 

  1. Nibley zitiert den Schäfer von Hermas falsch

 

Der Schäfer von Hermas ist ein wichtiges allegorische Werk, das sich auf das zweite Jahrhundert n. Chr. zurückdatieren lässt. In dem Artikel haben wir erörtert, dass Nibley sich auf zwei Passagen aus Hermas wohl bekanntes Buch von dem Gleichnis des Visionenturms bezieht:

 

Der ursprüngliche Turm mit seinen perfekt zurecht gehauenen und gut passenden Steinen soll bald von der Erde genommen werden, und an seiner Stelle soll nur ein zweitklassiger Turm aus beschädigten Steinen verbleiben, die die Prüfung nicht bestehen könnten. [Visionen III 3-7] In den Visionen des Pastor von Hermas wird die Kirche als eine alte, schwächelnde Dame dargestellt - „denn dein Geist ist alt und schwindet schon“ - die aus der Welt hinausgetragen wird; nur in der Unterwelt erscheint sie als ein blühendes und zeitloses Mädchen. [Visionen III, 11-13] (Das in eckigen Klammern ist von mir, um Verweise einzuschließen, die von Nibley als Fußnoten geliefert werden.)45

 

Wenn der Hirte tatsächlich gesagt hätte, was Nibley ihm unterstellte, als er über das Ersetzen des Turms (der dir Kirche Christi repräsentiert) durch einen „zweitklassigen Turm mit beschädigten Steinen“ sprach, könnte es rechtmäßig zitiert eine mögliche Vorhersage über eine kommende Ersetzung der wahren Kirche Christi durch die große und abscheuliche Kirche gewesen sein, wie es in 1. Nephi 13 beschrieben wird. Aber der Hirte sagt nichts Derartiges über einen zweiten Turm. Es wird nur erwähnt, dass bestimmte Steine (Menschen), die die Buße aufschieben, nicht in den Turm einbezogen, sondern an einen minderwertigen Ort gehen werden. Es wird nicht gesagt, dass der minderwertige Ort ein Turm ist, auch nicht, dass er den Turm ersetzt, von dem gesprochen wird:

 

Ich stellte ihr eine weitere Frage, ob diese Steine, die zur Seite geworfen wurden und nicht in das Gebäude des Turmes passten, Buße tun und im Turm einen Platz finden könnten. „Sie können Buße tun“, sagte sie, „aber sie können nicht in diesen Turm eingefügt werden. Sie werden an einen viel minderwertigeren Ort eingepasst werden – und dann auch nur, nachdem sie gequält und die Tage ihrer Sünden vervollständigt worden sind“. (Visionen III. 7.5-6)46

 

Die Stelle, die Nibley zitiert, als würde sie die Kirche als eine „alte und schwächelnde Dame“ darstellen, die nur in der Unterwelt „als ein blühendes und zeitloses Mädchen“ erscheinen würde, verdreht total die Bedeutung von Hermas Vision. In Wirklichkeit spiegelt der Zustand der Frau, die in der Vision die Kirche darstellt, Hermas' eigenen geistigen Zustand wider. Im Verlauf seiner Vision erscheint sie ihm in drei verschiedenen Formen, jedes Mal mit zunehmender Energie, während Hermas selbst geistig stärker wird. Nichts davon hat irgendetwas mit ihrer Stellung in dieser Welt und dem Gegenübertreten der künftigen Welt zu tun. Ihre drei Erscheinungen werden in Visionen III. 10.2 beschrieben, und jede, wie sie sich zu Hermas' geistiger Entwicklung verhält, in einem eigenen Kapitel in Visionen III. 11, 12 und 13. Dass das Erscheinen der Frau sich auf Hermas' geistigen Zustand und sich nicht auf ihren Zustand (den Zustand der Kirche) in diesem Zeitalter, wie dem Gegenübertreten zukünftiger Zeiten bezieht, kann man sehr gut sehen, wenn man die zweite Passage, die von Nibley zitiert wurde, im Textzusammenhang darstellt:

 

Warum erschien sie dir in der ersten Vision als ältere Frau, die auf einem Stuhl sitzt? Weil dein Geist älter ist und schon dahin schwindet und keine Kraft hat, weil du schwach und zwiespältig bist. (Visionen III.11.2)47

 

Kurz gesagt, Nibley verdrehte kühn die Visionen vom Gleichnis des Turmes des Hirten Hermas.

 

  1. Nibley zitiert Eusebius' Ecclestiastische Geschichte falsch

 

Wir haben uns schon mit Nibleys komplexer Falschzitierung von Eusebius Vorbereitung auf das Evangelium befasst. Die Ecclestiastische Geschichte, die in Etappen während des ersten Viertels des vierten Jahrhunderts geschrieben wurde, ist Eusebius' bekanntestes Werk. Als Teil seines Arguments, dass die früheste Kirche nicht zu überleben erwartete, möchte Nibley zeigen, dass eine bedeutende Veränderung der Einstellung zum Märtyrertum in der frühesten und späteren christlichen Kirche gab. Er beruft sich zur Verteidigung seiner Idee auf einen Brief von Bischof Dionysius von Alexandria (265 n. Chr.), der von Eusebius bewahrt wurde. Hier ist, was Nibley sagt:

 

Das Konzept vom Märtyrertum [das Nibley als dasjenige beschrieben hatte, an dem die frühe Kirche angeblich festhielt] ist das Gegenteil von dem, was sich später durchsetzte, wie Dionysius von Alexandria in einem Brief an Novatus aufzeigt, in dem er bemerkte, dass, während der frühe Märtyrer „nur um seine eigene Seele...“ besorgt war, „der Märtyrer heute an die gesamte Kirche denkt“.48

 

Im Textzusammenhang hat der Brief aber nichts mit dem Kontrast früherer und späterer Einstellung gegenüber dem Märtyrertum zu tun. Dies sieht man deutlich, wenn man einiges des ursprünglichen Kontextes des Briefes den Worten daneben stellt, die Nibley zitiert. In seinem Brief sagt Dionysius zu Novatus:

 

Du hättest bereit sein sollen, lieber alles zu erleiden, als die Kirche Gottes zu spalten, und Märtyrertum, um Spaltung zu vermeiden, hätte dir ebenso viel Ehre eingebracht wie das Märtyrertum, um dem Götzendienst zu entrinnen – eigentlich mehr; denn im letzteren Fall wird ein Mensch zum Märtyrer, um seine eigene, alleinige Seele zu retten, im ersteren um die ganze Kirche zu retten.49

 

Nibley erschafft das vorübergehende/historische Element, das er benötigt, aus dünner Luft, indem er ein Wort hinzufügt, das sich überhaupt nicht im Original befindet: heute.50

 
Fußnoten:

[43] R. M. Grant, „The Passing of the Church: Comments on Two Comments on a Strange Theme," Church History 30.4 (Dez. 1961) 482.

 

[44] Hugh W. Nibley, "The Passing of the Primitive Church: Forty Variations on an Unpopular Theme," in Mormonism and Early Christianity (The Collected Works of Hugh Nibley 4; herausg. von Todd M. Compton und Stephen D. Ricks; Salt Lake City, Utah: Deseret Book // Provo, Utah: Foundation for Ancient Research and Mormon Studies, 1986) 169.

 

[45] Ebenda, S. 174.

 

[46] ET: Bart D. Ehrman, The Apostolic Fathers (Loeb Classical Library 24-25; 2 Bde.; Cambridge und London: Harvard University Press, 2003) 2.213.

 

[47] Ebd., 2:223.

 

[48] Nibley, "Passing of the Primitive Church," in Mormonism and Early Christianity, S. 179.

 

[49] Eusebius, Ecclesiastical History 6.45; ET: G. A. Williamson, Eusebius: The History of the Church from Christ to Constantine (Minneapolis, Minn.: Augsburg Publishing House, 1965).

 

[50] Der Kontrast zwischen Märtyrertum für einen selbst und für die gesamte Kirche wird erklärt, indem men und de in zwei gut ausgewogenen Aussagen benutzt wird:

 

Ekei men gar hyper mias tis tēs heautou psychēs,

entautha de hyper holēs tēs ekklēsias martyrei (PG 20:633)

 

Nibley zitiert zwei frühe Quellen falsch, um die Taufe für die Toten zu unterstützen

 

  1. Nibley zitiert Matthäus 16:18 falsch

 

In seinem Artikel „Baptism for the Dead in Ancient Times“ [Taufe für die Toten in alter Zeit] stellt Nibley einen Fall für eine alternative Lesart von Matthäus 16:18 vor: „die Pforten der Hölle werden sie nicht besiegen“, die auf eine Kombination aus Falschübersetzung, Falschzitierung und Falschidentifizierung der Quellen gegründet ist. Nibley besteht darauf, dass sich Matthäus' berühmte Passage auf die Ausübung der Taufe für die Toten bezieht:

 

Die ordnungsgemäße Funktion einer Pforte ist es, Geschöpfe an einem Ort einzuschließen oder sie von dort auszuschließen; wenn eine Pforte „siegt“, hat sie mit ihrem Zweck Erfolg; wenn sie nicht „siegt“, hat jemand Erfolg, sie zu passieren... die Sache, die zurückgehalten wird [durch die Pforten der Hölle], ist nicht die Kirche, denn das Objekt befindet sich nicht im Akkusativ, sondern im partitiven Genitiv; es heißt „ihre“, Teil von ihr, was zu ihr gehört, was die Pforten nicht enthalten können. Da alle gefallen sind, sind alle im Tod eingesperrt, wobei es die Mission des Erretters ist, ihn zu überwinden; ihre Befreiung soll durch das Werk der Kirche zustande gebracht werden, der der Herr verspricht, dass er irgendwann in der Zukunft den Aposteln die Schlüssel geben wird.51

 

Nibley gemäß bezieht sich also das sie in sie nicht besiegen nicht auf die Kirche, sondern auf einen Teil der Anzahl von Seelen, die sich an einem Punkt in der Hölle befinden, aber die später von dort durch stellvertretende Taufe entrinnen werden. In anderen Worten, die Passage hätte in etwa so übersetzt werden sollen: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen; und die Pforten der Hölle werden einige der Toten, die sie zurück hält, nicht besiegen und sie schließlich durch die Taufe für die Toten herausgeben.“

 

Nibley verteidigt diese merkwürdig Übersetzung, indem er argumentiert, dass das Objekt von besiegen sich hier „nicht im Akkusativ befindet, sondern im partitiven Genitiv: es heißt „ihre“, Teil von ihr, was zu ihr gehört, was die Pforten nicht enthalten können“.52 Man muss bei Entgegnung von Nibleys Argument nicht weiter gehen, als auf die Tatsache hinzuweisen, dass das griechische Verb in Matthäus 16:18 (katischyo), übersetzt als besiegen, fast immer ein Genitivobjekt beansprucht, wenn es in der Bedeutung von besiegen benutzt wird!53 Da dies der Fall ist, gibt es keinen Grund anzunehmen, dass die Passage ein anderes Objekt als die Kirche hätte. Die bloße Tatsache, dass das Objekt des Verbes nicht im Akkusativ steht, lässt in keiner Weise vermuten, dass wir es als partitiven Genitiv lesen müssen. Darüber hinaus gibt es auch im Textzusammenhang keine Anhaltspunkte, die an ein partitives Genitiv mit der Bedeutung, die Nibley unterstellt, denken lassen würden.

 

  1. Nibley zitiert die Philadelphier von Ignatius von Antiochia falsch

 

Ein bemerkenswertes Beispiel, wie Nibley Dinge in antiken Quellen findet, die einfach nicht vorhanden sind, wo er argumentiert, dass die Kombination der Wörter „Felsen“, „Schlüssel“ und „Tor“ als Hinweis auf die Taufe für die Toten zu verstehen ist. Und so schreibt er in Bezug auf das neunte Kapitel des Briefes von Ignatius von Antiochia an die Philadelphier (frühes 2. Jahrh.):

 

Dieselbe Idee wird sogar noch offensichtlicher von Ignatius ausgedrückt, was vielleicht die früheste noch vorhandene Erwähnung des Felsens nach neutestamentlicher Zeit ist, was es dem Hohen Priester gleichbedeutend macht... dem allein die Geheimnisse Gottes anvertraut worden sind... Dies ist der Weg, der zum Vater führt, der Felsen... der Schlüssel... das Tor der Erkenntnis, durch das Abraham und Isaak und Jakob, Moses und die ganze Heerschar der Propheten eingetreten sind.

Hieraus wird deutlich, dass Matthäus 16:17-19 mit seiner Kombination aus Tore, Schlüssel und Felsen definitiv vom Thema der Erlösung für die Toten abhängt und vom Werk, durch das sie in die Gegenwart des Vaters zugelassen werden.54

 

Die Passage ist in der Form, wie Nibley sie zitiert, in keiner Weise so deutlich, wie er daraus macht. Während wir beginnen, Nibleys Argument auseinander zu nehmen, wird es hilfreich sein, die Worte, die Nibley zwischen anvertraut worden sind und Dies ist der Weg ausließ, wieder herzustellen:

 

...anvertraut worden sind. Die dienenden Mächte Gottes sind gut. Der Tröster ist heilig und das Wort ist heilig, der Sohn des Vaters, durch den Er alle Dinge machte und für sie alle eine Vorsorge traf. Dies ist der Weg...55

 

Es scheint, dass Nibley diese Worte dazwischen entfernte, um die Worte Dies ist der Weg auf die Geheimnisse Gottes beziehen zu lassen. Aber selbst, wenn diese Verbindung so deutlich wäre, wie Nibley sie machen möchte, wäre es immer noch nicht klar, wie wir in den Worten Geheimnisse Gottes die Taufe für die Toten angedeutet finden sollten, und somit wäre Nibley immer noch nicht darin gerechtfertigt, dass die Kombination aus Felsen, Schlüssel und Tor sich auf die Taufe der Toten beziehen sollte.

 

Aber indem wir diese Probleme aufzeigen, haben wir nur an der Oberfläche gekratzt. Das viel grundlegendere Problem ist, dass der Text, den Nibley zitiert, aus einer Version des Briefes des Ignatius stammt, die von jemandem erweitert wurde, der mehrere Jahrhunderte nach Ignatius schrieb. Keines der entscheidenden Wörter, Felsen, Schlüssel und Tor, die in Nibleys Zitierung gefunden werden, werden in Ignatius' ursprünglichem Brief gefunden.56 Sie wurden allesamt später (vielleicht im 4 Jahrhundert) von einem unbekannten Schreiber hinzugefügt, der an dem Text manipulierte. Nibley ist nachlässig, weil er uns nicht sagt, dass er die spätere, längere Version des Ignatius-Briefes verwendete und uns keine Rechtfertigung dafür lieferte. Vielmehr noch ist seine Behauptung „vielleicht die früheste noch vorhandene Erwähnung des Felsens nach neutestamentlicher Zeit“ vollkommen falsch.57 Nibley scheint voraus zu setzen, dass die Worte bei Ignatius ihren Ursprung hatten; in dem Fall könnte er Recht gehabt haben. Wie es aber aussieht, lässt die Tatsache, dass er annimmt, dass Felsen ursprünglich von Ignatius stammt, Zweifel darüber aufkommen, wie gut er überhaupt das Ignatius-Material kennt. Die Tatsache, dass es mehr als eine Rezension der Ignatius-Briefe gibt und dass die längere Version, diejenige, auf die sich Nibley berief, nicht das Original ist, ist kaum etwas, was nur Experten bekannt ist.

 

Nibleys Zitierung von Material aus der jüngsten Rezension des Ignatius-Briefes und es so zu behandeln, als käme es aus der Zeit des Ignatius, ist ein Problem, das wir genauso anderswo in seinen Werken finden. In einem anderen Werk zitiert er Material aus der jüngsten Version des Ignatius, Trallianer 4 und Smyrneaner 6 als Beispiele von der Art von Dingen, die „schon am Ende des ersten Jahrhunderts“ gesagt worden seien.58 Nicht nur, dass das Material, das Nibley zitiert, in jenem Fall aus späteren Jahrhunderten stammt, sondern er war auch bei der Datierung der Originalbriefe des Ignatius, die aus dem frühen zweiten und nicht aus dem späten ersten Jahrhundert stammen, unpräzise.

 

Nibleys Argument über den Felsen, den Schlüssel und das Tor bricht vollständig zusammen, wenn wir uns die Passage anschauen, wie Ignatius sie ursprünglich im frühen zweiten Jahrhundert schrieb. In der Passage, wie Nibley sie zitiert, wurde das fett gedruckte Word Dies genommen, um auf die Geheimnisse Gottes Bezug zu nehmen, aus denen Nibley Taufe für die Toten herausliest. Aber Ignatius schrieb ursprünglich nicht dies (houtos), sondern er (autos), und bezog sich nicht auf die Geheimnisse Gottes, sondern auf den Hohenpriester (wahrscheinlich Jesus oder den Bischof, der ihn repräsentierte), der direkt davor erwähnt wird, d. h. auf eine Person und nicht auf eine Praktik oder Lehre. Hierzu geben sowohl die standardenglischen als auch die kritischen griechischen Ausgaben einheitlich Zeugnis.59

 

Am Ende ist ist Nibleys Argumentation auf Argumente und Berufungen auf antike Texte gegründet, die überhaupt nichts mit Taufe für die Toten zu tun hatten.

 
Fußnoten:

[51] Hugh W. Nibley, "Baptism for the Dead in Ancient Times," in Mormonism and Early Christianity, S. 106.

 

[52] Ebd.

 

[53] Ich hatte hier ursprünglich geschrieben „das griechische Verb, das in Matthäus 16:18 mit besiegen übersetzt wird (katischyo) erfordert immer ein Genitivobjekt, wenn es gegen oder über etwas siegen bedeuten soll.“ Ein früher Korrekturleser wies darauf hin, dass ich ein Beispiel ausgelassen hätte, das in dem großen Liddell & Scott Classical Greek Lexicon (d. h. in der griechischen Septuaginta 2. Chroniker 8:3) angeführt wird, wo das Verb dieselbe Grundbedeutung hatte, aber eher mit einem Akkusativ- als einem Genitivobjekt. In diesem Fall hatte der Korrekturleser Recht und somit ersetzte ich das immer mit fast immer.

 

[54] Hugh W. Nibley, "Baptism for the Dead in Ancient Times," in Mormonism and Early Christianity, S. 107.

 

[55] Ignatius, Philadelphians 9, Lange Version (ET: Ante-Nicene Fathers 1)

 

[56] Siehe die Originalform dieses Briefes zum Beispiel in ET: Bart D. Ehrman, The Apostolic Fathers (Loeb Classical Library 24-25; 2 Bde.; Cambridge und London: Harvard University Press, 2003)

 

[57] Siehe zum Beispiel Ignatius, Polycarp 1:1; Epistle of Barnabas 5:13; 6:3; 11:3, 5; Shepherd of Hermas, Parables (Similitudes) 9.2.1-2; 9.3.1; 9.4.2; 9.5.3; 9.9.7; 9.12.1; 9,13,5; 9.14.4.

 

[58] Nibley, World of the Prophets, S. 49.

 

[59] Siehe Bart D. Ehrman, The Apostolic Fathers 1.292-93. Ehrmans Ausgabe ersetzt die ältere Ausgabe von 1912-1913 Loeb Classical Library von Kirsopp Lake. Beide Ausgaben stimmen überein, dass Igantius autos und nicht houtos (auch bieten sie houtos nicht eine andere Lesart an) und beide übersetzen das Wort er nicht mit dieser. Edgar J. Goodspeeds Index Patristicus (Peabody, Mass.: Hendrickson, n.d.) identifiziert ebenfalls autos und nicht houtos als Lesart hier (S. 31 und 178). Obwohl es wirklich keinen Zweifel über die korrekte Übersetzung gibt, habe ich um Nibleys Schwierigkeit zu illustrieren, die Übersetzungen von Wake, Lightfoot, Roberts-Donaldson ( Ante-Nicene Fathers 1), Stawley, Hoole, Richardson, Lake, Goodspeed und Staniforth auch noch nachgeschaut. Alle enthalten das er, um sich auf den Hohenpriester zu beziehen. Schließlich lautet es in der Ausgabe von Ignatius' authentischen Briefen in Jacques-Paul Migne's Patrologiae cursus completus, die wahrscheinlich die Ausgabe ist, die Nibley selbst benutzte, wieder autos und nicht houtos in Philadelphianer 9 (PG 5:704-05).


Nibley zitiert acht Quellen auf einen Streich falsch

 

Einer der üblichsten Methoden, wie Hugh Nibley seine Quellen falsch zitiert, ist es, irgendeine Behauptung aufzustellen und dann eine Fußnote zu bieten, die mehrere Verweise auf antike Texte enthält, von denen einige das Thema, das er erörtert, enthalten können, aber wenige, wenn überhaupt welche liefern eine direkte Unterstützung für den Punkt, den er zu beweisen versucht. Es ist unmöglich zu schätzen, wie viele von dieser Art von Fußnoten existieren, aber es gibt so viele, dass es nicht schwierig ist anzunehmen, dass sie doch in der Höhe der übertriebenen Zahl von 90% liegen, mit der Tweedy aufwartete. Ein klassischer Fall ist eine Fußnote, die Nibley bot, während er versuchte, „die totale Vernachlässigung von Bildung in der frühen Kirche“ zu beweisen.60 Nibley erklärte: „Eigentlich waren die apostolischen Väter sehr um Bildung besorgt, indem sie ihr Volk vor der schlechten Bildung der Welt warnten und sie für ihre Vernachlässigung der einzigen Bildung, die zählte – diejenige, die die Jugend auf das nächste Leben vorbereitete, tadelten“. Als angebliche Unterstützung für diese Aussage verweist Nibley seine Leser auf eine Fußnote, die sie wiederum auf nicht weniger als acht verschiedene antike Passagen verweist, von denen keine eine negative Einstellung gegen solche formelle Bildung widerspiegelt, und nur sechs von ihnen kommen aus der Gruppe von Schreibern, die man als apostolische Väter kennt.61 Der prominente Kirchenhistoriker Hans J. Hillerbrand verwies auf Nibleys „Kommentar über das Fehlen von Sorge um Bildung in der frühen Kirche“ als ein vornehmliches Beispiel von Dingen, die er in Nibleys Artikel als „höchst strittig“ betrachtete.62

 
Fußnoten:

[60] Die zwanzigste „Abänderung“ in "The Passing of the Primitive Church: Forty Variations on an Unpopular Theme," in Early Christianity & Mormonism, S. 177.

 

[61] Ebenda, S. 200, Fußnote 70. Das, was dem, worüber Nibley spricht, am nächsten kommt, kommt von den beiden Schreibern, die zitiert werden, die nicht apostolische Väter sind. Der Erste ist der Schreiber des vierten Jahrhunderts von Eusebius' Nichtanerkennung der Jünger des Theodotus dem Schuhmacher, der „das Wort Gottes [das sie freizügig korrigierten] verdirbt“, und „anstatt zu fragen, was die Heilige Schrift sagt, unternehmen sie jede Anstrengung, um eine passende Figur zu finden, um ihre Gottlosigkeit zu unterstützen“. Einige von ihnen, sagt Eusebius „geben ihre ganze Energie dem Studium der euklidschen Geometrie und behandeln Aristoteles und Theophrastus mit großer Ehrfurcht; für einige von ihnen ist Galen fast ein Ziel der Anbetung“ (Eusebius Ecclesiastical History 5.28). Aber selbst dort spricht Eusebius davon, dass weltliche Bildung über das Wort Gottes gestellt wurde. Als zweites die Pseudo-Clementine Recognitions 1:1-5 (fälschlich einem der apostolischen Väter zugeordnet), die die Unfähigkeit des Philosophiestudiums beschreiben, um zufrieden stellende Antworten auf die großen Themen des Lebens zu liefern, wie, ob es ein Leben nach dem Tod gibt oder nicht.

 

Als eine interessante Nebengeschichte verdreht Nibley wieder die obige Eusebius-Passage in seinem Buch The World of the Prophets (S. 35), indem er (1) sie Eusebius zuschreibt, anstatt auf die Quelle zu verweisen, die Eusebius zitierte, und (2) noch schlimmer, sie als allgemein für die christliche Kirche beschreibend zu behandeln, als wäre sie während einer bestimmten Periode der Geschichte so gewesen, anstatt als das, was sie ist: Eine Beschreibung der Ansichten und Gesinnungen einer bestimmten ketzerischen Sekte.

 

[62] Hans J. Hillerbrand, "The Passing of the Church: Two Comments on a Strange Theme," Church History 30.4 (Dez. 1961) 481.

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